Sprache auswählen

To Homepage

Initiativen in Utrecht setzen auf tierversuchsfreie Forschung – und auf ÄgT-Datenbanken

Wie weit man mit echtem politischem Willen kommen kann, zeigt derzeit die Universität Utrecht: Beim 3R-Zentrum Utrecht (3RCU) laufen gleich zwei Programme, die Forscher ganz praktisch beim Umstieg auf tierversuchsfreie Methoden unterstützen. Ärzte gegen Tierversuche e.V. (ÄgT) war im Juli zu einem Round-Table-Treffen des Zentrums eingeladen und zeigt sich beeindruckt – nicht zuletzt, weil die ÄgT-eigenen Datenbanken NAT-Database und NATworks bereits fest in die niederländische Praxis eingebunden sind. Ebenso überzeugt das kostenfreie und grenzübergreifende Angebot der Servicestelle Suppo³Rt, die Forschende weltweit mit internationalen Kontakten und maßgeschneiderten Lösungen für tierversuchsfreie Forschung unterstützt.

Auf Einladung des 3RCU trafen sich im Juli in Utrecht Vertreterinnen und Vertreter von sieben Tierschutzorganisationen aus mehreren europäischen Ländern – darunter auch ÄgT – mit Vertretern des 3RCU sowie der Tierschutzbeauftragten der Universität Utrecht, um über mögliche Kooperationen zu sprechen. Bemerkenswert: Obwohl im Namen des Zentrums noch die klassischen „3R"* stecken, positioniert sich die Institution klar in Richtung Replacement – dem vollständigen Ersatz von Tierversuchen. Im Rahmen des Treffens wurden zwei vielversprechende Initiativen vorgestellt.

Bei der Initiative Suppo3Rt handelt es sich um eine Servicestelle, die Forschende an der Universität Utrecht und der dortigen Uniklinik gezielt dabei begleitet, Tierversuche durch tierversuchsfreie Methoden zu ersetzen (1). Wer dort einen Tierversuch beantragen möchte, muss zusätzlich zum Tierversuchsantrag ein Formular ausfüllen und nachweisen, dass systematisch nach tierversuchsfreien Methoden recherchiert wurde. Hier kommen unter anderem die Datenbanken von ÄgT für tierversuchsfreie Methoden und Unternehmen – NAT-Database und NATworks – zum Einsatz. Die Angaben werden individuell geprüft. Die Forschenden erhalten konkretes Feedback und anschließend das Angebot, sie bei der Suche nach tierversuchsfreien Methoden, mit denen sich die geplanten Tierversuche teilweise oder vollständig vermeiden lassen, zu unterstützen. Bei Bedarf vermittelt die Servicestelle Kontakte zu internationalen Experten im Bereich der tierversuchsfreien Forschung, die unter Vertraulichkeitsvereinbarungen konkrete Lösungsvorschläge erarbeiten. Der Service ist kostenlos und steht auch Forschenden außerhalb der Niederlande offen. ÄgT kann deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen nur ermutigen, dieses Angebot zu nutzen und sich mit Fragen zu tierversuchsfreien Methoden direkt an Suppo3Rt zu wenden.

Die zweite Initiative, „Invisible Animal Use" (die unsichtbare Verwendung von Tieren), widmet sich einem Thema, das in der öffentlichen Debatte bislang kaum vorkommt: tierische Reagenzien wie fötales Kälberserum (FKS) und tierische Zellmatrizen (z. B. Matrigel), die sowohl in tierexperimentellen als auch in tierversuchsfreien Forschungsmethoden vielfach eingesetzt werden – und mit erheblichem Tierleid verbunden sind (2). Das 3RCU hat bereits zwei Datenbanken mit tierfreien Alternativen zu FKS und Zellmatrizen veröffentlicht und zusätzlich den Verbrauch dieser Reagenzien an der Universität und Uniklinik Utrecht ab 2015 dokumentiert. Die Zahlen sind eindrücklich: Jährlich werden dort rund 795 Liter FKS und 9,8 Liter Matrigel verwendet – das entspricht etwa 1.600 Kälbern und 2.000 Mäusen, die für die Gewinnung der Reagenzien extrem hohes Leid erlitten haben und getötet wurden. Diese Tiere tauchen in keiner offiziellen staatlichen Statistik auf. Würde man sie zu den rund 12.600 Tieren addieren, die 2024 in den Niederlanden für Tierversuche verwendet wurden, ergäbe das einen Anstieg von etwa 30 Prozent – verbunden mit einer deutlichen Verschiebung hin zu schwereren Leidensgraden, da alle diese Tiere sehr schwer gelitten haben. Auf dieser Grundlage plant das 3RCU nun weitere Schritte, um den Umstieg auf tierfreie Produkte zu fördern.

Der Vergleich mit Deutschland fällt deutlich aus: Während in Utrecht verpflichtende Formulare, öffentlich einsehbare Verbrauchszahlen und eine Servicestelle mit direktem Expertenzugang längst Praxis sind, fehlt hierzulande bis heute ein verbindlicher Fahrplan für den Umstieg auf tierversuchsfreie Methoden und tierfreie Materialien.

ÄgT fordert die Bundesregierung auf, sich ein Beispiel an den niederländischen Initiativen zu nehmen und endlich einen konkreten Plan vorzulegen, der den Ausstieg aus Tierversuchen und der Verwendung tierischer Reagenzien in der biomedizinischen Forschung verbindlich festschreibt. Die Niederlande zeigen: Es ist möglich – man muss es nur wollen.

*3R=Replacement, Reduction, Refinement = Ersatz, Verringerung, Verfeinerung von Tierversuchen

Quellen

1. Utrecht University. Support desk for access to expertise on NAMs, https://www.uu.nl/en/organisation/3rs-centre/research/support-desk-for-access-to-expertise-on-nams, abgerufen am 19.08.2026

2. Utrecht University. Invisible animal use, https://www.uu.nl/en/organisation/3rs-centre/research/invisible-animal-use, abgerufen am 19.08.2026